Die dramatische Vorgeschichte zum Bau eines dritten Schulhauses in Wittbrietzen

von Detlef Fechner

Sie stehen hier vor dem 1937-39 erbauten dritten Schulhaus von Wittbrietzen. Nun zählte der Ort im 19. und 20. Jahrhundert gewiss zu den größeren Dörfern der Region. Im 20. Jahrhundert lebten hier um die 750 Einwohner, darunter 80-120 Schüler. Dennoch hätte die Kapazität der beiden älteren Schulhäuser ausgereicht, die Kinder des Ortes angemessen unterrichten zu können. Dies war das alte Küster-Schulhaus an der Gasse zum Dorfteich und das 1890 eröffnete Nachbarhaus als zweiter Schulstandort. Warum also ein drittes Schulhaus mit Lehrerwohnung und einem Klassenzimmer? Die Antwort findet sich in einem dramatischen Konflikt, der ab Mitte der 1933er Jahre die Dorf- und Kirchengemeinde tief erschütterte, zu mehreren Verhaftungen und Hausdurchsuchungen führte und in der Region politisch hohe Wellen schlug.

Obwohl bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 über 90% der Einwohner die NSDAP wählten, wohl auch der junge Ortspfarrer Johannes Wolff, und es zu dieser Zeit hier um die 150 NSDAP-Mitglieder gab, kippte bereits im Juli 1933 die Euphorie betreffs der neuen Machthaber. Insbesondere zwei Ereignisse führten zur Ernüchterung und teilweisem Widerstand. Diese Ereignisse lassen sich nur verstehen im Wissen darum, dass die neuen Machthaber sofort daran gingen, alle gesellschaftlichen Bereiche und Vereine unter ihre Kontrolle zu bringen und diese mit treuen Vasallen in der Leitung zu besetzten. Dies betraf natürlich auch alle Ebenen der Evangelischen Kirche, bis hinunter zu den örtlichen Kirchengemeinden. Aus diesem Grunde setzten die regierenden Nationalsozialisten für den 23. Juli 1933 Kirchenwahlen an, obwohl solche erst im November 1932 stattgefunden hatten. Ihre Hoffnung war, dass die „Deutschen Christen“ (DC) – eine besonders regimetreue Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche – überall die Mehrheit in den Gemeinden erzielt und so eine Gleichschaltung der Kirche mit dem NS-Staat gewährleistet. Diese Hoffnung der neuen Machthaber ging zwar in zahlreichen Kirchengemeinden auf, nicht jedoch in Wittbrietzen und im benachbarten Dobbrikow.

Bevor es jedoch zur Kirchenwahl kam, wurde fast zeitgleich im Dorf der sehr erfahrene und hochangesehene Dorfschulze Emil Hagen abgesetzt. Offensichtlich gehörte er nicht der ‚richtigen‘ Partei an. Über 30 Jahre wurde er immer wieder mit überwältigender Mehrheit von den Einwohnern gewählt und im Amt bestätigt. Statt seiner besetzten die Nazis das neu geschaffene Bürgermeisteramt mit dem unerfahrenen Parteigenossen Friedrich Rügen. Dies sorgte im Ort für sehr viel Unmut. Dann kam die Kirchenwahl.

In Wittbrietzen trat nur das Problem auf, dass es bis eine Woche vor der Wahl keine Ortsgruppe der DC gab und deren Vertreter bei der Aufstellung der Wahlliste gar nicht berücksichtigt werden konnten. Laut Pfarrer Wolff trat die Ortsgruppe der DC in Wittbrietzen erst am 16. Juli 1933 an die Öffentlichkeit, also eine Woche vor der Wahl. Es war eine zahlenmäßig kleine, aber politisch einflussreiche Gruppe um den neuen Bürgermeister Rügen und den Dorflehrer Ernst Helm. Letzterer wurde zum Vorsitzenden der DC gewählt. Nach alter Tradition war Helm nicht nur Lehrer, sondern gleichzeitig Organist und Kantor in der Kirchengemeinde. Zudem war seine Frau Eva eine sehr engagierte Vorsitzende der Evangelischen Frauenhilfe, also auch eine wichtige Mitstreiterin in der kirchlichen Arbeit. Mit beiden hatte Wolff über drei Jahre gut und konstruktiv zusammengearbeitet. Der Sommer 1933 und die Wahl am 23. Juli sollte dies alles abrupt beenden.

Pfarrer Johannes Wolff 1930

Pfarrer Johannes Wolff 1930 zu Beginn seiner Amtszeit in Wittbrietzen

Mit Hilfe ihrer Kontakte zu einflussreichen Personen aus dem Partei- und Staatsapparat setzten Helm und Rügen nun alles daran, die bereits beschlossene Wahlliste zu annullieren und etliche Personen aus der DC-Ortsgruppe darauf zu platzieren; letztendlich mit Erfolg. Selbstverständlich tauchten auch sie selbst auf der Wahlliste auf. Im Ergebnis dieser manipulierten Wahl und Wahlliste wird Pfarrer Wolff von einer „Vergewaltigung der Kirchenwahl durch die Deutschen Christen“ sprechen. Außerdem musste er resigniert feststellen, dass im Ergebnis der Wahl Leute in den Gemeindekirchenrat kamen „die gar nicht nach kirchlichen, sondern nur nach politischen und Sonderwünschen jener Gruppe aufgestellt worden war. Die kirchlichsten und lautersten Männer sind entfernt, weil sie jenen nicht genehm waren“.

Auf Grund dieser bitteren Erkenntnis begann Wolff – bis dahin selbst noch Mitglied der NSDAP – einen energischen Beschwerde- und juristischen Klageweg. Doch alle seine Bemühungen laufen ins Leere, zumal inzwischen selbst bei der Kirchenleitung in Berlin viele Leitungsposten mit DC-Leuten besetzt waren.

In der Folge kommt es zu einem völligen Zerwürfnis zwischen Wolff und dem Ehepaar Helm sowie den örtlichen Parteigrößen. Im Januar 1934 tritt Eva Helm aus der Evangelischen Frauenhilfe aus und begründet die staatstreue NS-Frauenschaft. Doch deren Resonanz blieb bescheiden, weil viele Frauen ihrer Frauenhilfe und Pfarrer Wolff die Treue hielten, ebenso viele andere Gemeindeglieder.

Als schließlich über 50 Einwohner aus der NSDAP austreten und ebenso fast alle Mädchen aus dem BDM, sehen sich Bürgermeister Rügen und höhere Parteigrößen zum Handeln veranlasst. Zur Entschärfung der Situation sollen sowohl Pfarrer Wolff als auch Lehrer Helm versetzt werden. Zum ‚Vollstrecker‘ der Zwangsversetzung wird u.a. der SA-Obersturmbannführer Melzer aus Treuenbrietzen eingesetzt. Doch die geplante Zwangsversetzung ihres Pfarrers lässt den Protest im Ort erst richtig eskalieren.

Am 26. April 1934 erreichte der Konflikt einen vorläufigen Höhepunkt. Im Saal der Gaststätte Heider musste sich besagter Melzer sogar von den örtlichen SA-Mitgliedern den Unmut über die geplante Versetzung ihres Pfarrers anhören. Als dieser den wohl am lautstärksten Protestierenden des Saals verweisen wollte, erwartete Melzer vor dem Saal „eine erregte Menge von 150-200 Personen. Nach einer Ansprache des SA-Führers wurde ein neu herbeigeeilter Trupp Ortseinwohner gegen diesen tätlich und riss ihm die SA-Abzeichen ab“. An anderer Stelle im Polizeibericht heißt es sogar, dass Melzer gewürgt wurde und ihm kein einziger SA-Mann aus Wittbrietzen zur Hilfe kam. Nur mit einem Schuss aus seiner Dienstwaffe konnte BM Rügen die Situation kurzzeitig beruhigen. Später kam ein Polizei-Sonderkommando. Noch am Abend wurden fünf Einwohner verhaftet und am nächsten Tag drei weitere. Die vom Polizeipräsidenten geplante Überstellung in ein Konzentrationslager blieb den Verhafteten erspart, nach acht Tagen kamen sie wieder frei.

Pfarrer Johannes Wolff 1930
Vor und in dieser Gaststätte formierte sich am 26.4.1934 der Aufruhr des Dorfes gegen die geplante Versetzung ihres Ortspfarrers (Ansicht um 1930)

Als eigentlicher „Rädelsführer“ wurde jedoch Pfarrer Wolff verhaftet, obwohl er am 26.4. nicht in Wittbrietzen war. Nach drei Wochen im Potsdamer Gefängnis wurde er umgehend auf unbestimmte Zeit mit einem Betretungsverbot des Landkreises Zauch-Belzig belegt. Die Betreuung seiner Pfarrstelle wurde ihm so unmöglich gemacht. Ende Januar 1935 durfte er nach einer Amnestie zurückkehren, wurde jedoch sechs Wochen später wieder verhaftet und mit einer erneuten einjährigen Verbannung aus dem Landkreis belegt.

Die geschilderten Ereignisse lassen ahnen, wie angespannt und zerrüttet die Verhältnisse in Wittbrietzen waren und blieben, gerade auch zwischen Pfarrer und Lehrerschaft. Was haben sie jedoch mit dem dritten Schulhaus zu tun? Lehrer Helm wurde zum 1.5.34 in die Uckermark versetzt. Im Rahmen eines Stellentausches wurde der dortige Lehrer und Organist Konrad Sahrmann nach Wittbrietzen entsandt; auch er SA-Mann und Parteimitglied. Als Musiker zudem ein schlechterer Organist als Helm und offenbar unzuverlässig. Nach der endgültigen Rückkehr von Wolff zu Ostern 1936 entwickelte sich die Zusammenarbeit mit Sahrmann ebenfalls sehr konfliktreich. Entnervt kündigte Sahrmann zum 1.10.36 sein Orgelspiel auf.

Dies hatte nicht nur musikalische Konsequenzen. In seiner Doppelfunktion als (staatlicher) Lehrer und (kirchlicher) Organist bewohnte Sahrmann die für ihn kostenlose Dienstwohnung im Küsterschulhaus. Doch dieses gehörte seit alter Zeit der Kirchengemeinde und die Mietfreiheit war ein Teil seiner Besoldung für sein Orgelspiel.

Mit seiner Kündigung als Organist wurde diese rechtliche Grundlage hinfällig. Unter dem 26.10.1936 schrieb Bürgermeister Rügen an das Landratsamt in Belzig:

Der nun schon seit mehr als drei Jahren tobende sogenannte Kirchenstreit, dem das rechtschaffene Christenvolk ablehnend und verständnislos gegenübersteht, hat in Wittbrietzen, was dem Landratsamt bekannt ist, unerquickliche Zustände gezeitigt. Der aus diesem Grunde hier schon lange schwebende Wunsch der politischen Gemeinde, alle Berührungspunkte mit der Kirchengemeinde zu lösen, hat jetzt abermals dadurch einen starken Antrieb erhalten, dass der brutale Pfarrer Wolff den S.A.-Mann, Lehrer Sahrmann durch Schikane zur Kündigung seines Organistenamtes gereizt hat. Die Folge für den Schulverband ist, dass die politische Gemeinde die Küsterwohnung der Kirchengemeinde unter bedrückenden, aber unausweichlichen Bedingungen anmieten muss. … Die Gemeindevertretung ist unter diesen Umständen, da sich ein aufrichtiges und ersprießliches Einvernehmen mit dem Pfarrer Wolff nicht erzielen lässt, einmütig entschlossen, sofort den Neubau eines Schulhauses vorzubereiten“.

Pfarrer Johannes Wolff 1930

Der evangelische Posaunenchor Wittbrietzen, vermutlich Ostern 1936, nach der Rückkehr von Wolff aus seiner zweiten Verbannung (Wolff, stehend sechster von links. Friedrich Huschke, sitzend zweiter von links, gehörte ebenfalls zu den im April 1934 Verhafteten.)

So kam Wittbrietzen 1937/39 zu diesem dritten Schulstandort, auch wenn das alte Küsterschulhaus in der Folge vom Staat aufgegeben wurde. Bürgermeister Rügen hat die Einweihung dieses Schulhauses wohl nicht mehr als Bürgermeister erlebt, da er 1938 abgesetzt wurde. Bereits im Sommer 1935 wurde er aus dem Gemeindekirchenrat wieder ausgeschlossen, laut Pfarrer Wolff „ein völlig unkirchlicher Mensch“. Sein Nachfolger als BM wurde der Bauunternehmer Emil Müller, dessen kleiner Baubetrieb dieses Haus erbaute. Pfarrer Wolff musste noch mehrere Verhaftungen über sich ergehen lassen und etwa 15 Hausdurchsuchungen.

Im August 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen, vermutlich zu seinem eigenen Schutz, um ihn so vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren. Nach kurzer Gefangenschaft kehrte er im August 1945 nach Wittbrietzen zurück. 1948 wechselte er in die Pfarrstelle Falkensee/Falkenhagen und wurde zugleich Dozent an der Kirchlichen Hochschule Berlin/West. Nach einem Herzinfarkt starb er mit knapp 60 Jahren am 26.4.1961, wenige Wochen vor dem Mauerbau. Sein Grabstein trug lediglich die Aufschrift: „Herzlich lieb habe ich dich, o Herr.“

Ausführlicher zu den damaligen Auseinandersetzungen in Wittbrietzen:

  1. Detlef Fechner, „Gegen die Vergewaltigung durch die Deutschen Christen bei der Kirchenwahl“ – Pfarrer Johannes Wolff und das Entstehen der Bekennenden Kirche in Wittbrietzen, Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte, Jahrgang 74/2023
  2. Detlef Fechner, Gegen die Vergewaltigung durch die Deutschen Christen bei der Kirchenwahl, in: Zwischen Havel und Fläming – Heimatkalender für Potsdam Mittelmark, 2023
Die Geschichtenbank des dritten Schulhauses
Die Geschichtenbank des dritten Schulhauses

Die Gestaltung dieses Erinnerungsortes wurde maßgeblich initiiert und realisiert durch den in Wittbrietzen ansässigen Verein „Makom – Kunst & Schule e.V.“ gemeinsam mit dem Gemeindekirchenrat des Ortes. Gefördert wurde dieses Projekt zu 80% durch:

Land Brandenburg MWFK

Beim Aufbringen des 20%igen Eigenanteils halfen die Stadtwerke Beelitz, Vermessung Peick, die Ortsteilbürgermeisterin von Wittbrietzen (Simone Spahn) und andere private Spender.

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