3. Interview – Erzähl mir deine (Schul-) Geschichte

Das Interview wurde geführt mit

Hiltrud Spahn (geb. Gensch)
Inge Thurley (v.l.n.r.)

Datum des Interviews: 27. Okt. 2020
Schulzeit: 1947-1955 | 1943 – 1951

Beide Schulzeiten waren geprägt von der Kriegs- bzw. Nachkriegszeit, das Leben und Arbeiten auf dem familiären Bauernhof und der wachsenden Kontrolle der DDR. Die Kirche verlor zusehends ihren Einfluss in der Schule. Dennoch war es dank der Initiative vieler Lehrer und der Pfarrer eine schöne Schulzeit mit einem breiten Kulturprogramm und vielen Exkursionen.

Hiltrud Spahn in ihrem Vorgarten © by Adam Sevens.

Hiltrud Spahn © by Adam Sevens

Lehrer Wegener u.a. mit Inge Thurley (1949)

Lehrer Wegener Inge Thurley (1949)

Schulausflug in den Spreewald mit Lehrer Schiedeck

Schulausflug in den Spreewald mit Lehrer Schiedeck

Klassenzimmer und Schülerzahl

Im Klassenraum standen grüne Holztische in 3 Reihen, an dem jeweils 2 Kinder Platz hatten, Sitzbank und Tisch waren ein Stück, auf dem Schreibtisch gab es eine Aussparung für den Bleistift und Tintenfass.

Stets zwei Jahrgänge hatten zusammen Unterricht (1. und 2. Klasse, 3. und 4. Klasse usw.), die Klassenstärke wiederum war sehr unterschiedlich, es gab Jahrgänge von 12 bis 36 Kinder.

Mit Brottasche in die Schule

Die Schüler gingen zu dieser Zeit mit einer Brottasche zur Schule. Mittagessen gab es nicht, der Unterricht endete um 12 Uhr, für die höheren Klassen um 13 Uhr. Nach der Schule erwartete den Jugendlichen zumeist die Arbeit auf dem familiären Bauernhof.

Nach der Schule folge die Landarbeit

Nach der Schule mussten die Kinder zu Hause in der Landwirtschaft helfen, da oftmals Männer in der Familie im Krieg gefallen sind, mussten auch Mädchen frühzeitig ihren Müttern und Großmüttern bei der Feldarbeit helfen (z.B. im Alter von 11 Jahren allein mit einem Pferd das Feld pflügen), wer keine Pferde hatte, spannte Kühe vor den Wagen.

Trotzdem hatten die Kinder auch freie Zeit, die z.B. für Spiele auf der Straße genutzt wurde (z.B. Meter, Schlagball, Völkerball, Murmeln).

Kein Religionsunterricht in der Schule

Nach dem Krieg gab es keinen Religionsunterricht mehr direkt in der Schule oder im Rahmen des Schulprogramms, sondern nur noch bei dem Pfarrer in der Kirche bzw. im Pfarrhaus. Die DDR sorgte dafür, dass die Kirche zu dieser Zeit ihren Einfluss in der Schule verlor. Dennoch ließen sich die Pfarrer nicht davon abhalten, den Kindern ein reichhaltiges Kulturprogramm anzubieten.

Ferienlager und Klassenfahrten

1953 fand ein dreiwöchiges Ferienlager in Sebnitz (Sächsischen Schweiz) mit mehreren Klassenstufen sowie Schülern aus Elsholz statt. Der örtliche Schlachthof war nicht nur ein großer Arbeitsgeber in der Region sondern sponserte auch diese Reise. Ansonsten gab es Wandertage zur Nieplitzquelle oder eine Fahrt in den Spreewald. Schwimmen gelernt mit Lehrer Schiedeck im Glienicksee, die Schüler mussten dafür 6 km bis nach Dobbrikow laufen.

Inhalt des vollständigen 3. Interviews (Länge 49:34 min)

  • (01:08) ersten Erinnerungen an die Schule: 1943 gabs keine Schultüten, 1947 aber schon, die Einschulung wurde aber nicht gefeiert, es gab auch kein Gruppenfoto
  • (02:15) im Klassenraum standen grüne Holztische, an dem jeweils 2 Kinder Platz hatten, Sitzbank und Tisch waren ein Stück, auf dem Schreibtisch gab es eine Aussparung für den Bleistift und Tintenfass
  • (03:25) 1943 Einschulung bei Frau Kaufmann (unterrichtete später in Buchholz), dann Unterricht bei Herr Engel
  • (04:30) es hatten immer zwei Jahrgänge zusammen Unterricht (1. und 2. Klasse, 3. und 4. Klasse usw.), die Klassenstärke war sehr unterschiedlich, es gab Jahrgänge von 12 bis 36 Kinder
  • (07:02) ab 1947 wurde Russisch unterrichtet, in der Schule war zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs auch ein Lazarett untergebracht
  • (08:42) Der Schulhof war umgeben von den zwei Schulgebäuden, die Toiletten befanden sich draußen, Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht standen am Rand des Schulhofs
  • (10:27) Lehrer Wegner (Musik- und Klassenlehrer), Lehrer Schiedeck lehrte mit politischer Überzeugung (von der DDR), floh aber dann selber kurz vor dem Mauerbau nach Westdeutschland, Fräulein Löwenstein (Musiklehrerin, betreute auch ein Chor)
  • (13:11) zu den meist jungen Lehrern hatten die Schüler ein gutes Verhältnis, bei den Lehrern war die Fluktuation sehr hoch, oftmals waren die Lehrer nur wenige Jahre bzw. nur ein Jahr an der Schule
  • (16:41) Schüler gingen mit Brottasche zur Schule, Mittagessen gab es nicht, der Unterricht endete um 12 Uhr, für die höheren Klassen um 13 Uhr
  • (17:40) nach der Schule mussten die Kinder zu Hause in der Landwirtschaft helfen, da oftmals Männer in der Familie im Krieg gefallen sind, mussten auch Mädchen frühzeitig ihren Müttern und Großmüttern bei der Feldarbeit helfen (z.B. im Alter von 11 Jahren allein mit einem Pferd das Feld pflügen), wer keine Pferde hatte, spannte Kühe vor den Wagen
  • (20:03) Trotzdem fand man zwischendurch genug Zeit für Spiele auf der Straße (z.B. Meter, Schlagball, Völkerball, Murmeln)
  • (21:21) Abgabesoll in der Landwirtschaft Mitte der 50er Jahre – je nach Hektargröße mussten die Bauern ihre Ernte mit dem Staat teilen, die Bauern wurden auch genau kontrolliert, ob die Abgaben von der Menge korrekt waren, ansonsten waren Kartoffeln sammeln oder melken „normale Kinderarbeit“
  • (26:00) Einfluss der Politik Ende der 40er Anfang der 50er in der Schule, Bilder von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl hingen im Klassenraum
  • (28:25) Die Jugendlichen sind in den 50er Jahren oft mit ihren Eltern nach Westberlin gefahren, um Waren wie Spargel oder Eier zu verkaufen (es wurde „schubbern“ gefahren), für das Geld kaufte man sich Kleider oder Lebensmittel, die es in der DDR nicht gab. Da es aber in der DDR verboten war, Lebensmittel an den „Klassenfeind“ zu verkaufen, durfte man sich an der Grenze nicht erwischen lassen. Es wurden zu der Zeit dafür auch Haftstrafen ausgesprochen.
  • (33:10) alle paar Wochen war Tanz in Wittbrietzen oder in den Dörfern der Umgebung, Musikkapellen sorgen für gute Laune. War oftmals die einzige Möglichkeit, Leute aus dem Dunstkreis des Dorfes hinaus kennenzulernen
  • (36:04) Nach dem Krieg gab es keinen Religionsunterricht mehr in der Schule sondern nur noch bei dem Pfarrer in der Kirche bzw. im Pfarrhaus
  • (36:58) 8 Jahre Schulunterricht (typische Volksschule), mit 14 Jahren kamen die Schüler aus der Schule und arbeiteten danach weiter von Frühling bis Herbst in der familiären Landwirtschaft, den Winter über konnte man in Produktionsbetrieben (z.B. Schlachthof) arbeiten. Jugendliche, die auf keinen Bauernhof aushelfen mussten, konnten aber zu einer normalen Berufsausbildung übergehen
  • (39:09) Zu LPG-Zeiten konnten man den landwirtschaftlichen Berufsabschluss (Facharbeiter) nachholen
  • (44:49) 1953 fand ein Ferienlager in Sebnitz in der Sächsischen Schweiz (3 Wochen lang) mit mehreren Klassenstufen statt, auch zusammen mit Schülern aus Elsholz, ansonsten gab es Wandertage zur Nieplitzquelle und zum Spreewald
  • (47:56) Schwimmen gelernt mit Lehrer Schiedeck im Glienicksee (Schüler mussten dafür ca. 6 km bis nach Dobbrikow laufen)

Hiltrud Spahn Einschulung mit Schultüte (1947)

Hiltrud Spahn Einschulung (1947)

Hiltrud Spahn mit Brottasche

Hiltrud Spahn mit Brottasche (1947)

Umzug zum Erntedankfest in Wittbrietzen mit Hiltrud Spahn und E.Traute

Umzug zum Erntedankfest Wittbrietzen mit Hiltrud Spahn E.Traute

Fragekatalog – Folgende Fragen wurden gestellt

  • Wie heißt du und wann bist du in Wittbrietzen zur Schule gegangen?
  • Was sind die ersten Erinnerungen an deine Schulzeit?
  • Wie groß war eure Klasse? Welches Schreib- und Schulmaterial hattet ihr zur Verfügung und an welche Anschauungsmaterialien und technischaen Geräte erinnerst du dich?
  • Welche Erinnerungen hast du an das Schulgebäude, seine innere Ausstattung und den Schulhof? Was hing an den Wänden?
  • An welche Lehrer erinnerst du dich und warum? Wie erlebtest du das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern?
  • Wie sah dein weiterer Tagesablauf nach der Schule aus und in welcher Weise haben deine Eltern deine schulische Entwicklung begleitet?
  • Welchen Stellenwert hatte für dich die kirchlichen Parallelangebote Christenlehre und Junge Gemeinde?
  • Mit welchem Bild, welcher Methapher würdest du deine Schulzeit in Wittbrietzen beschreiben wollen?
  • Welche besonderen Umstände in der Familie, im Dorf und in der Gesellschaft prägten eure Schulzeit? Welchen Einfluss hatte die Politik auf deinen Schulalltag?
  • Gibt es sonstige besondere Erlebnisse oder Konflikte, die du mit deiner Schulzeit / Freizeit verbindest?
  • Hast du den Eindruck, eine gute und ausreichende Schulbildung genossen zu haben?

Das ganze Interview gibt es im Archiv

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