Ein Erinnerungsort für Käthe Hammerschmidt
von Detlef Fechner
Bevor es einen umfassenden Sozialstaat gab, verdankte sich die Linderung von sozialen Not- und Schieflagen oft bemerkenswert engagierten Einzelpersonen. Mit Käthe Hammerschmidt und ihrem Mann Pfarrer Theodor Hammerschmidt soll solchen beispielhaften Menschen hier gedacht werden, zumal sie für Wittbrietzen sehr segensreich gewirkt haben. Zugleich stellt dieser Erinnerungsort das Bemühen dar, eine inzwischen historische Grabanlage vor der unwiederbringlichen ‚Entsorgung‘ zu bewahren.
Das Dorf Wittbrietzen um 1900 hatte Teil am damaligen wirtschaftlichen Aufschwung des Deutschen Reiches. Zwischen 1800 und 1900 ist die Einwohnerzahl von knapp 400 auf knapp 800 gestiegen, darunter 110 – 120 Schüler. Nach wie vor war Wittbrietzen noch ein weitgehend bäuerliches Dorf, auch wenn immer mehr junge Männer unehmend eine wirtschaftliche Existenz im Handwerk, bei der Bahn oder in der Industrie suchten und fanden. Die ursprüngliche Einheit von Wohnort und Arbeitsplatz begann sich immer mehr aufzulösen, ebenso die Funktionstüchtigkeit der bäuerlichen 3-Generationen-Familie. Dies führte zu sozialen Notlagen und Verwerfungen, insbesondere im Blick das Erholungsbedürfnis von Wöchnerinnen sowie auf die Pflege und Versorgung von Kranken und alleinlebenden Alten.
Wer aber war Käthe Hammerschmidt, deren an dieser Stelle erinnert und gedacht werden soll? Geboren als Tochter eines Pfarrers 1865 in Pommern war sie zunächst die zweite Ehefrau unseres ehemaligen Pfarrers Theodor Hammerschmidt (1889 – 1918 hier amtierend). Ihr bleibender Verdienst für Wittbrietzen lag in der Gründung des Vereins „Evangelische Frauenhilfe“, einem Netzwerk zur ehrenamtlichen Kranken-, Alten- und Wöchnerinnenpflege im Dorf. Solche Vereine entstanden um 1900 in vielen Dörfern und Städten. Durch die besondere Begabung und Berufserfahrung von Käthe Hammerschmidt entwickelte sich diese Arbeit in Wittbrietzen jedoch in einer bemerkenswerten Dimension und Qualität, die auch die Beelitzer Ärzte Dürr und Wetzel sehr zu schätzen wussten.
1898 wurde Tochter Maria geboren; im Haushalt lebten zu dieser Zeit noch deren fast volljährige Stiefschwestern Magda und Else. So dauerte es bis zum Februar 1907, als im Dorf endlich der Verein der Evangelischen Frauenhilfe gegründet werden konnte. 46 Frauen unterschrieben das Vereinsstatut. Bereits nach wenigen Jahren hatte der Verein über 100 Mitglieder. Bis weit in die 1930er Jahre sollte er diese Stärke behalten. Die überkommenen Dokumente weisen Theodor Hammerschmidt als ‚Gründungsvater‘ und langjährigen Vorsitzenden aus. Zur treibenden Kraft und zur Seele des Vereins avancierte jedoch Käthe Hammerschmidt, die Zeit ihres Lebens stolz ihr Johanniterkreuz um den Hals trug. Sie war es ebenso, die die ‚Nachwuchsorganisation‘ (den Jungfrauenverein) gründete und bis 1918 leitete. Dieser soll um die 60 Mitglieder gehabt haben.
Familie Hammerschmidt um 1915 am Pfarrhaus
Im November 1918 starb Pfarrer Hammerschmidt. Seine Frau Käthe konnte noch bis Ende Juni 1919 im Pfarrhaus wohnen bleiben, bevor sie dieses für den Nachfolger Zitzlaff freiziehen musste. Sie verzog nach Berlin, hielt aber noch viele Jahre engste Kontakte nach „ihrem geliebten Wittbrietzen“. Sie hinterließ hier einen gut funktionierenden Verein, der noch viele Jahre segensreich für die Wittbrietzener tätig war und der sich nach 1933 nicht in die NS-Frauenschaft eingliedern ließ. Durch die Bombardierung Berlins musste sie vor Kriegsende zu ihrer Stieftochter nach Dahlhausen in die Prignitz umziehen. Sie starb dort am 5.Juli 1952. Es war ihr innigster Wunsch, in Wittbrietzen bestattet zu werden.
Abschließend einige Worte aus einer Gedächtnisrede ihrer Tochter Maria, die diese 1965 verfasste:
Meine Mutter war ein ungemein tätiger Mensch, dabei sehr fröhlich, eine vorzügliche Hausfrau und Gastgeberin, dazu von einer Hilfsbereitschaft für andere beseelt, wie sie heute auch in Pfarrhäusern nur mehr selten zu finden ist. … Im Pfarrhaus richtete sie einen großen Medizinschrank ein mit den nötigsten Medikamenten, Tees, einigen chirurgischen Instrumenten und sterilem Verbandszeug. Außerdem war sie eine große Homöopathikerin. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht zu Kranken gerufen wurde oder man Verletzte zu ihr brachte. Sie arbeitete in freundschaftlicher Weise mit den beiden Ärzten aus Beelitz zusammen (Dr. Wetzel und Dr. Dürr), war aber allzu oft durch die Abwesenheit derselben auch in schweren Fällen auf sich allein angewiesen. Viele Nächte verbrachte sie im Dorf an Krankenbetten und bei Sterbenden. Auf dem Bratofen in der Küche stand ein Wecker und oft rannte sie dann davon, um irgendwo Medizin einzugeben oder einen Umschlag zu erneuern. Sie hatte gesegnete Hände. Ein schwer verbranntes Kind, dass sie auf einem Strohwagen aus Salzbrunn zu ihr brachten, wurde im Pfarrhaus gesund gepflegt, ein Zwillingssäugling, bei dessen die Mutter den zweiten mit ins Grab nahm, wurde mein erstes Baby und blieb einige Monate im Pfarrhaus.
Für jede Wöchnerin im Dorf wurde eine Woche lang im Pfarrhaus gekocht, bis dieses dann die Frauenhilfe übernahm, die sie auch ins Leben gerufen hatte und die über 100 Mitglieder zählte. Für beide Vereinigungen wurden Krankenpflegekurse im Pfarrhaus abgehalten, wozu jeweils eine Schwester der Brandenburgischen Frauenhilfe aus Potsdam kam. Humorvolle Episoden gab es dabei eine Menge und es wurde herzlich gelacht. Oft wurden auch Ausflüge zu Kirchenkonferenzen und auch sonst veranstaltet, z.B. nach Potsdam oder nach Berlin in den Zoo und in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Die Grabstelle Hammerschmidt, wie sie bis zum November 2025 auf dem Friedhof in Wittbrietzen bestand, bevor die Grabkreuze auf den Kirchhof umgesetzt und zu einem Erinnerungsort umfunktioniert wurden.
Die Gestaltung dieses Erinnerungsortes wurde maßgeblich initiiert und realisiert durch den in Wittbrietzen ansässigen Verein „Makom – Kunst & Schule e.V.“ gemeinsam mit dem Gemeindekirchenrat des Ortes. Gefördert wurde dieses Projekt zu 80% durch:
Beim Aufbringen des 20%igen Eigenanteils halfen die Stadtwerke Beelitz, Vermessung Peick, die Ortsteilbürgermeisterin von Wittbrietzen (Simone Spahn) und andere private Spender.


